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Virtuelle Netzwerke und Zonen
Die vNIC ist verbunden, die Adresse stimmt, das Gateway bleibt unerreichbar — und andere VMs desselben Knotens laufen einwandfrei. Liegt es an der VM, am Uplink, oder an einer Positivliste zwei Schichten tiefer, die niemand gelesen hat?
Lehrtext · 11 Abschnitte · zuletzt geprüft: 2026-09-13
Der virtuelle Switch sieht aus wie ein Switch und ist keiner
Die vSphere-Dokumentation nennt den Standard-Switch „einem physischen Ethernet-Switch sehr ähnlich“. Diese Ähnlichkeit ist echt und trotzdem die häufigste Fehlerquelle: An mindestens vier Stellen verhält er sich bewusst anders, und jede dieser Abweichungen erzeugt im Betrieb ein eigenes Symptom.
- Er lernt keine MAC-Adressen, er kennt sie aus der Konfiguration.
- Pakete an unbekannte Ziel-MAC werden verworfen, nicht geflutet.
- Er nimmt nicht am Spanning Tree Protocol teil.
- Er leitet keinen Verkehr zwischen zwei Uplinks weiter.
Wer ihn als kleinen physischen Switch behandelt, erwartet Flooding, Lernverhalten und Schleifenschutz — und diagnostiziert dann an der falschen Stelle. Dieses Modul geht die vier Abweichungen durch und zeigt, welche Betriebsentscheidung jeweils daran hängt.
Unbekannte Ziel-MAC wird verworfen, nicht geflutet
Ein physischer Switch, der eine Ziel-MAC nicht kennt, flutet das Paket auf allen Ports — so lernt er das Netz kennen. Ein virtueller Switch tut das nicht. Die Dokumentation ist an dieser Stelle unmissverständlich: Empfängt ein Port ein Paket mit unbekannter Ziel-MAC-Adresse, wird das Paket verworfen.
Das ist kein Versehen, sondern folgt aus der Bauweise. Der virtuelle Switch muss MAC-Adressen nicht lernen, weil er sie kennt: Jede vNIC hat eine konfigurierte MAC-Adresse, und der Switch weiß, an welchem Port sie hängt. Ein Lernverfahren wäre überflüssig — und Flooding wäre ein Sicherheitsproblem, weil es fremden Verkehr an alle VMs verteilte.
Für genau diesen Fall existiert die MAC-Learning-Richtlinie. Ist sie aktiv, prüft der Switch die Quell-MAC jedes Pakets, trägt sie in seine Tabelle ein und lässt das Paket passieren. Die Richtlinie ist damit kein allgemeiner Schalter für „besseres Netzwerken“, sondern die gezielte Antwort auf Umgebungen, in denen mehrere MAC-Adressen aus einer vNIC stammen.
Kurzcheck
Eine geschachtelte Testumgebung läuft: ESXi als VM, darin drei weitere VMs. Der äußere Host ist erreichbar, die inneren VMs nicht. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
- Die inneren VMs haben keine gültige IP-Konfiguration erhalten.
- Der virtuelle Switch verwirft die Pakete, weil ihre MAC-Adressen ihm unbekannt sind.
- Das physische Netz filtert die zusätzlichen MAC-Adressen an der Switchport-Sicherheit.
Treffer. Richtig. Aus einer vNIC kommen hier mehrere Quell-MAC-Adressen. Ohne MAC-Learning kennt der Switch nur die konfigurierte und verwirft den Rest — das Symptom endet exakt an der Schachtelungsgrenze.
Kein Spanning Tree — und warum das kein Mangel ist
Virtuelle Switches unterstützen STP nicht und nehmen nicht daran teil. Sie verhindern Schleifen auf anderem Weg: Ein virtueller Switch leitet keinen Verkehr von einem Uplink zu einem anderen weiter. Damit kann er keine Brücke zwischen zwei physischen Pfaden bilden — die Voraussetzung für eine Schleife fehlt.
Die praktische Folge betrifft die physische Seite. Ein Switchport, an dem ein Hypervisor-Uplink hängt, spricht mit einem Gegenüber, das nie eine BPDU beantwortet. Wer dort auf eine STP-Aushandlung wartet, verzögert nur den Portstart. Deshalb sind Einstellungen, die den Port sofort weiterleiten lassen, an diesen Ports üblich — die Entscheidung gehört aber dem Netzteam und braucht deren Bestätigung, nicht die Annahme des Virtualisierungsteams.
In der Linux-Welt ist dieselbe Entscheidung sichtbar in der Konfiguration: Eine Proxmox-Brücke trägt üblicherweise bridge-stp off und bridge-fd 0. Das Erste schaltet den Spanning Tree der Brücke ab, das Zweite setzt die Weiterleitungsverzögerung auf null — ein Port beginnt also sofort zu leiten, statt erst einen Lernzustand zu durchlaufen. Beides ist kein Leichtsinn, sondern folgt aus derselben Überlegung: Eine Brücke mit genau einem Uplink kann keine Schleife bilden.
Die Portgruppe ist der Vertrag, nicht das Kabel
Eine Portgruppe bündelt Ports mit gleicher Konfiguration: VLAN, Sicherheitseinstellungen, Teaming, Formung. Sie wird laut Dokumentation über ein Netzwerklabel identifiziert, das auf dem jeweiligen Host eindeutig sein muss.
Netzwerklabel — Der Name einer Portgruppe. Migration und Klonen ordnen eine vNIC über diesen Namen zu — nicht über VLAN-Nummer, Switch oder Uplink.
Daraus folgt die wichtigste Betriebsregel dieses Abschnitts: Gleicher Name heißt nicht gleiche Konfiguration. Existiert auf Host A eine Portgruppe Prod-Web mit VLAN 30 und auf Host B eine gleichnamige mit VLAN 130, migriert die VM anstandslos — und landet im falschen Netz. Die Zuordnung prüft die Gleichheit des Namens, nicht die Richtigkeit dahinter.
Umgekehrt gilt: Unterscheiden sich die Namen, scheitert die Migration sichtbar und früh. Das ist der angenehmere Fehler. Wer Namen vereinheitlicht, ohne die Konfiguration dahinter abzugleichen, tauscht einen lauten Fehler gegen einen stillen.
Drei Orte, an denen ein VLAN-Tag gesetzt werden kann
Ein VLAN-Tag kann im physischen Switch, im virtuellen Switch oder im Gast gesetzt werden. ESXi unterstützt alle drei, und die Wahl bestimmt, wer die Verantwortung trägt.
- EST — External Switch Tagging
- Der physische Switch taggt. Der Port zur VM ist untagged, die Portgruppe führt kein VLAN
- VST — Virtual Switch Tagging
- Der virtuelle Switch taggt eingehenden Verkehr mit der konfigurierten VLAN-ID und entfernt das Tag beim Verlassen. VLAN-ID 1 bis 4094
- VGT — Virtual Guest Tagging
- Der Gast verarbeitet VLAN-Verkehr selbst. Aktiviert wird das über die VLAN-ID 4095
VST ist der Normalfall: Die VM sieht ein ungetaggtes Netz und muss nichts wissen. VGT ist die Ausnahme für Gäste, die selbst mehrere VLANs terminieren — etwa eine virtuelle Firewall. Der Preis von VGT ist, dass die Netzkonfiguration in den Gast wandert und damit aus der Sicht der Plattform verschwindet.
Proxmox: eine VLAN-bewusste Brücke oder eine Brücke je VLAN
Proxmox VE setzt dieselbe Aufgabe mit Linux-Brücken um und kennt laut Dokumentation mehrere Modi. Der Unterschied ist im Betrieb deutlich spürbar.
Bei der VLAN-bewussten Brücke bekommt jede virtuelle Netzwerkkarte ein VLAN-Tag, das die Brücke transparent behandelt. Die Konfiguration in /etc/network/interfaces besteht aus zwei Zeilen an der Brücke:
bridge-vlan-aware yesschaltet die Behandlung ein.bridge-vids 2-4094legt fest, welche VLAN-IDs die Brücke überhaupt durchlässt.
Der zweite Wert wird gern übersehen. Er ist eine Positivliste: Ein Gast mit einem Tag außerhalb dieses Bereichs hat keine Verbindung, während Gäste innerhalb des Bereichs einwandfrei laufen. Das Symptom sieht nach einem Problem der einzelnen VM aus und steht tatsächlich in der Brückenkonfiguration.
Die traditionelle Variante erzeugt stattdessen je VLAN ein eigenes Gerät samt Brücke. Für VLAN 5 entstehen laut Dokumentation eno1.5 und vmbr0v5 — und diese Geräte bleiben bestehen, bis der Knoten neu startet. Wer VLANs häufig ändert, sammelt so verwaiste Schnittstellen an, die eine spätere Diagnose erschweren.
vmbr0.5. Die Brücke bleibt dabei manual — die Adresse hängt am VLAN-Gerät, nicht an der Brücke.Teaming verteilt VMs, nicht Pakete
Der zweite große Irrtum betrifft die Bandbreite. Die Voreinstellung für die Lastverteilung heißt auf Standard- und Distributed-Switch Route Based on Originating Virtual Port. Der virtuelle Switch berechnet den Uplink aus der Port-ID der VM und der Anzahl der Uplinks im Team — und leitet danach laut Dokumentation immer über denselben Uplink, solange die VM auf demselben Port läuft.
Das ist in den meisten Umgebungen die richtige Wahl: Die Zuordnung ist berechenbar, verlangt nichts vom physischen Switch und verteilt viele VMs gleichmäßig. Wer die Grenze für eine einzelne VM überschreiten will, braucht ein anderes Verfahren — und die passende Konfiguration auf der Switchseite, die dann mitverhandelt werden muss.
Für die Diagnose folgt daraus eine nützliche Frage: Wenn eine VM an einer Bandbreitengrenze klebt, die verdächtig genau der eines einzelnen Uplinks entspricht, ist nicht das Team zu klein, sondern das Verfahren das erwartete.
Failback und Notify Switches: zwei Schalter mit Betriebsfolgen
Zwei Einstellungen des Teamings entscheiden, was bei einem Leitungsfehler passiert — und beide sind voreingestellt so, dass sie im Normalfall helfen und im Sonderfall schaden.
- Notify Switches
- Der virtuelle Switch meldet dem physischen Switch den Wechsel, damit dieser seine Lookup-Tabellen aktualisiert. Ohne diese Meldung läuft Verkehr weiter zum alten Port, bis die Tabelle altert
- Failback
- Voreinstellung Ja: Ein erholter Adapter kehrt sofort in den aktiven Zustand zurück und verdrängt den Standby-Adapter, der eingesprungen war
Die Voreinstellung für Failback ist bei einer sauberen Reparatur genau richtig. Bei einer flatternden Leitung dreht sie sich um: Jedes kurze Wiederkommen holt den Verkehr auf den defekten Adapter zurück, der ihn Sekunden später erneut verliert. Aus einem einmaligen Umschalten wird eine Kette von Unterbrechungen — und die Ursache sieht im Monitoring aus wie ein instabiles Gastsystem.
Der Preis der Gegenmaßnahme gehört genannt: Steht Failback auf Nein, bleibt der Verkehr nach der Reparatur auf dem Ersatzadapter. Das ist stabil, aber jemand muss die Rückkehr später bewusst herbeiführen — sonst läuft die Umgebung dauerhaft in einem Zustand, den niemand geplant hat.
MTU ist eine Eigenschaft des Pfades, nicht der Schnittstelle
Jumbo Frames werden üblicherweise mit einer MTU von 9000 konfiguriert. Der Wert steht an der Schnittstelle, gilt aber nur, wenn jedes Glied des Pfades ihn trägt: vNIC im Gast, Portgruppe beziehungsweise Brücke, virtueller Switch, Uplink, physischer Switch, Router und die Gegenstelle.
Ein einzelnes Glied mit kleinerer MTU erzeugt ein tückisches Fehlerbild: Kleine Pakete laufen, große nicht. Verbindungsaufbau und Anmeldung gelingen, die erste größere Übertragung bleibt stehen. Das sieht nach einem Anwendungsfehler aus und ist ein Pfadproblem.
Deshalb wird die MTU gemessen statt abgelesen. Ein Test mit einem Paket in Zielgröße und gesetztem Nicht-Fragmentieren-Bit zeigt die tatsächliche Pfad-MTU; die Konfigurationsanzeige zeigt nur, was jemand eingetragen hat.
Die Nutzlast wird dabei kleiner angegeben als die MTU, weil IP- und ICMP-Kopf mitzählen: 20 Byte IP plus 8 Byte ICMP ergeben 28 Byte Abzug. Für eine Ziel-MTU von 9000 prüft man also 8972 Byte Nutzlast:
- Linux im Gast:
ping -M do -s 8972 <ziel>—-M doverbietet die Fragmentierung. - Windows im Gast:
ping -f -l 8972 <ziel>—-fsetzt dasselbe Bit. - Schlägt der Test fehl, während
-s 1472gelingt, liegt irgendwo im Pfad ein Glied mit Standard-MTU.
Kommt Overlay-Kapselung hinzu, sinkt die nutzbare MTU zusätzlich um den Overhead der Kapselung. Wer dann im Gast 9000 einträgt, hat rechnerisch bereits verloren: Der Gast erzeugt Pakete, die nach der Kapselung über der MTU des Underlays liegen. Die Kapselung muss deshalb beim Entwurf mitgerechnet und das Ergebnis anschließend gemessen werden.
Das Verwaltungsnetz hängt an dem Uplink, den du gerade änderst
Netzänderungen am Hypervisor haben eine Eigenschaft, die sie von fast allen anderen Änderungen unterscheidet: Der Pfad, über den du arbeitest, kann der Pfad sein, den du änderst. Eine falsche VLAN-Zuordnung an der Verwaltungsschnittstelle nimmt dir den Zugang zu genau dem Gerät, das du korrigieren müsstest.
- Vor der Änderung klären, über welchen Uplink und welche Portgruppe die Verwaltungsverbindung tatsächlich läuft — nicht, über welche sie laufen sollte.
- Einen zweiten Zugang bereithalten, der nicht über denselben Pfad führt: Konsole des Servers, Fernwartungskarte oder ein getrenntes Verwaltungsnetz.
- Änderungen an einem einzelnen Host prüfen, bevor sie auf den Cluster gehen.
- Den Rückweg vorher aufschreiben, nicht nach dem Verbindungsverlust rekonstruieren.
Diese Reihenfolge wirkt übervorsichtig, bis sie das erste Mal gebraucht wird. Der Aufwand ist klein, die Alternative ist ein Weg ins Rechenzentrum.
Arbeitsbeispiel: vNIC verbunden, Gateway unerreichbar
Ein Symptom, vier mögliche Schichten
Szenario
Eine neue VM in einer Proxmox-Umgebung soll in VLAN 30 laufen. Die vNIC ist laut Oberfläche verbunden, die VM hat eine statische Adresse aus dem richtigen Netz, erreicht ihr Gateway aber nicht. Andere VMs desselben Knotens in VLAN 10 arbeiten einwandfrei.
Anforderungen
- Die Ursache muss benannt sein, bevor irgendetwas geändert wird — mehrere Schichten kommen in Frage.
- Der Verwaltungszugang zum Knoten darf durch die Prüfung nicht gefährdet werden.
- Das Ergebnis soll auch für die nächste VM in einem neuen VLAN gelten.
Schritte
- Die Grenze eingrenzen: VLAN 10 funktioniert, VLAN 30 nicht, auf demselben Knoten und derselben Brücke. Damit sind vNIC, Brücke und Uplink als generell defekt ausgeschlossen — der Unterschied hängt am VLAN.
- Die Brückenkonfiguration lesen statt vermuten: Bei einer VLAN-bewussten Brücke entscheidet
bridge-vids, welche IDs überhaupt durchgelassen werden. Liegt 30 außerhalb des eingetragenen Bereichs, ist die Ursache gefunden und erklärt genau dieses Muster. - Die Gegenprobe auf der physischen Seite vorbereiten: Auch wenn die Brücke passt, muss der Uplink-Port am physischen Switch VLAN 30 im Trunk führen. Diese Prüfung gehört dem Netzteam und wird angefragt, nicht angenommen.
- Korrektur eng halten:
bridge-vidsum die benötigte ID erweitern und die Änderung an diesem einen Knoten prüfen, bevor sie auf die übrigen geht. - Den Rückweg sichern: Da die Verwaltungsadresse an derselben Brücke hängt, vorher den Konsolenzugang bereithalten und die alte Konfigurationszeile notieren.
Merksatz: Das Symptom lag an der VM, die Ursache in einer Positivliste zwei Schichten darunter.
Das übertragbare Muster: Wenn ein Teil der Gäste funktioniert und ein anderer nicht, ist die trennende Eigenschaft die Spur. Sie zeigt die Schicht, in der die Ursache liegt — und erspart es, an der auffälligsten statt an der zuständigen Stelle zu suchen.
Jetzt anwenden
Diesen Stoff gibt es als Modul mit bewerteten Entscheidungs-Checks — dieselbe Einführung, danach die Übungen.
Zum Modul →Quellen & Aktualität6 Primärquellen · zuletzt geprüft:
- 01techdocs.broadcom.com/us/en/vmware-cis/vsphere…learning-policy.html
- 02techdocs.broadcom.com/us/en/vmware-cis/vsphere…n-configuration.html
- 03techdocs.broadcom.com/us/en/vmware-cis/vsphere…andard-switches.html
- 04techdocs.broadcom.com/us/en/vmware-cis/vsphere…ng-virtual-port.html
- 05techdocs.broadcom.com/us/en/vmware-cis/vsphere…h-or-port-group.html
- 06pve.proxmox.com/pve-docs/pve-admin-guide.html