Angriffspfade & Abwehr
Vier Funde, Kapazität für einen. Das knackbare Dienstkonto klingt dringlicher — der Anwendungsserver mit unbeschränkter Delegation, an dem sich Administratoren anmelden, ist es. Angriffspfade sind Graphen, keine Listen: Die Knoten sind Objekte, die Kanten sind Rechte und Anmeldungen, und keine einzelne Kante ist falsch vergeben — erst ihre Verkettung ergibt einen Weg. Dieses Modul behandelt die bekannten AD-Pfade aus Verteidigersicht: Roasting als Offline-Angriff auf Entropie, Replikationsrechte als Domänen-Geheimnisse, unbeschränkte Delegation als stille Tier-0-Erhebung eines gewöhnlichen Servers, gefälschte Tickets samt der Frage, warum krbtgt zweimal zurückgesetzt werden muss — und die Reihenfolge der Eindämmung, wenn ein Fund kein Konfigurationsfehler mehr ist.
Lehrtext · 12 Abschnitte · zuletzt geprüft: 2026-09-06
Das Denkmodell: Angriffe folgen der Mechanik, nicht der Magie
Die bekannten AD-Angriffspfade sind kein „Hacken“ im Filmsinn. Sie missbrauchen legitime Mechanik — die Art, wie Kerberos Tickets ausstellt, wie Domain Controller replizieren und wie Berechtigungen (ACLs) vererbt werden. Als Verteidiger brauchst du deshalb nicht jeden Exploit auswendig, sondern das mentale Modell: Welche Fähigkeit missbraucht der Angriff, und wo sitzt die Barriere, die ihn stoppt?
Priorisieren heißt: Pfade, die direkt zu Tier-0 führen (Domänen-Secrets, krbtgt, Domain Admins), zuerst schließen. Ein Kerberoasting-Fund auf einem unwichtigen Dienstkonto ist ärgerlich; ein Nicht-DC mit Replikationsrechten oder unconstrained delegation ist ein direkter Weg zur Domänenübernahme.
Wo Kerberos-Angriffe ansetzen
Vier der sechs Pfade hängen am Kerberos-Ablauf. Es hilft, sie an der Stelle im Ticket-Fluss zu verorten, an der sie ansetzen:
krbtgt-Schlüssel die eigentlichen Kronjuwelen — nicht die Tickets selbst.Roasting: offline knacken, was der DC jedem ausgibt
Zwei Angriffe nutzen aus, dass der DC verschlüsseltes Material ohne besondere Rechte herausgibt — das der Angreifer dann offline knackt (keine fehlgeschlagenen Logins, keine Lockouts):
- Kerberoasting
- Jeder authentifizierte Domänennutzer darf ein Service-Ticket für jedes Konto mit SPN anfordern. Das Ticket ist mit dem Passwort-abgeleiteten Schlüssel des Dienstkontos verschlüsselt → offline knackbar. Betrifft Nutzerkonten mit SPN (typisch alte Dienstkonten mit schwachem, selten geändertem Passwort).
- AS-REP-Roasting
- Konten mit gesetztem Flag „Kerberos-Pre-Authentication nicht erforderlich“ liefern beim AS-Exchange ein AS-REP, dessen verschlüsselter Teil offline knackbar ist — ganz ohne vorher gültige Credentials des Angreifers.
DCSync: Replikationsrechte sind Domänen-Secrets
Domain Controller replizieren das Verzeichnis untereinander per Directory Replication Service. Wer die Extended Rights `Replicating Directory Changes` und `Replicating Directory Changes All` auf das Domänen-Root-Objekt besitzt, kann sich als DC ausgeben und die Passwort-Hashes jedes Kontos anfordern — inklusive krbtgt. Das ist DCSync.
- Diese Rechte sind standardmäßig auf Domain Admins, Enterprise Admins und die DCs selbst begrenzt. Gefährlich wird es, wenn sie an ein Nicht-DC-Konto delegiert wurden (oft versehentlich, oder für ein Sync-Tool).
- DCSync läuft von jedem domänengejointen Host über legitime RPC-Aufrufe — nicht nur vom DC. Deshalb ist es per Netzwerk-Port kaum sauber vom echten DC-Traffic zu trennen.
- Legitime Ausnahme: Verzeichnis-Sync-Konten (z. B. Entra/Azure AD Connect) benötigen genau diese Rechte. Vor dem Entfernen also den Zweck klären und solche Konten als gehärtetes Tier-0 behandeln.
Unconstrained Delegation: ein Nicht-DC mit Tier-0-Sprengkraft
Ein Server mit unconstrained delegation cached ein weiterreichbares TGT jedes Nutzers, der sich bei ihm authentifiziert. Ein Angreifer, der diesen Server kontrolliert, kann eine privilegierte Identität — bis hin zu einem DC-Computerkonto — zur Authentifizierung zwingen (Auth-Coercion) und dann deren TGT abgreifen. Ergebnis: Domänenübernahme.
- Abwehr an der Fähigkeit: unconstrained delegation eliminieren, auf constrained oder RBCD umstellen (begrenzt auf definierte Ziel-SPNs, kein gecachtes Nutzer-TGT).
- Abwehr an der Identität: privilegierte Konten als „Account is sensitive and cannot be delegated“ markieren und in die Gruppe Protected Users aufnehmen — dann können ihre Tickets gar nicht erst delegiert werden.
- „Nur intern erreichbar“ ist keine Vertrauensgrenze: Auth-Coercion läuft über interne Protokolle, ein einziger kompromittierter Host im selben Netz genügt.
Golden vs. Silver Ticket: gefälschte Tickets und der krbtgt-Reset
Wer die richtigen Schlüssel besitzt, fälscht Tickets, die Kerberos ohne Rückfrage akzeptiert:
- Golden Ticket
- Gefälschtes TGT, geschmiedet aus dem `krbtgt`-Hash. Erlaubt, sich als beliebiger Nutzer (auch Domain Admin) auszugeben — domänenweit, langlebig. Voraussetzung ist ein früherer
krbtgt-Diebstahl (z. B. via DCSync). - Silver Ticket
- Gefälschtes Service-Ticket, geschmiedet aus dem Schlüssel eines Dienstkontos. Begrenzt auf diesen einen Dienst, aber am KDC vorbei — der Dienst prüft nur mit seinem eigenen Schlüssel.
krbtgt-Konto behält eine Passwort-Historie von zwei (N und N-1). Ein einziger Reset lässt mit dem alten Hash geschmiedete Golden Tickets weiter gültig. Deshalb: krbtgt-Passwort zweimal zurücksetzen — mit Warten auf vollständige Replikation zwischen den beiden Resets, sonst riskierst du Authentifizierungs- und Replikationsstörungen. Der Reset allein ist keine vollständige IR: Der ursprüngliche Zugangsweg muss geschlossen werden, sonst wird krbtgt erneut extrahiert.krbtgt-Konto führt eine Kennworthistorie von zwei Werten — dem aktuellen und dem vorherigen. Ein einzelner Wechsel entwertet daher gefälschte Tickets nicht: Der alte Schlüssel bleibt gültig. Erst der zweite Wechsel schiebt ihn aus der Historie. Zwischen beiden muss allerdings genug Zeit für die vollständige Replikation liegen — wer sie zu schnell hintereinander ausführt, sperrt Domain Controller aus, die den ersten Wechsel noch nicht kennen. Aus einer Abwehrmaßnahme wird dann ein selbst verursachter Ausfall.ACL-Eskalation & AdminSDHolder
Angriffspfade verlaufen in AD über effektive Berechtigungen (DACLs), nicht nur über sichtbare Gruppenmitgliedschaften. Gefährliche ACLs wie `GenericAll` oder `WriteDACL` auf ein sensibles Objekt bedeuten: Wer sie hält, kontrolliert die Identität — er kann das Passwort setzen, sich zur Gruppe hinzufügen oder die ACL weiter aufweichen, ohne je „Mitglied“ zu sein. Ein Mitgliedschafts-Review sieht das nicht.
- Abwehr: effektive Rechte auf privilegierte Objekte auditieren (Tooling wie BloodHound macht diese Pfade sichtbar) und überbreite/verwaiste ACLs entfernen — aber vorher legitime delegierte Verwaltung ausschließen.
- AdminSDHolder/SDProp: Ein Schutzobjekt, dessen ACL der SDProp-Prozess periodisch auf geschützte privilegierte Konten und Gruppen (
adminCount=1) zurückschreibt. Das verhindert ACL-Drift auf Tier-0 — aber Angreifer manipulieren umgekehrt AdminSDHolder selbst als Persistenz. Deshalb dieses Objekt überwachen.
Ein Angriffspfad ist ein Graph, keine Liste
Verteidiger denken in Listen: privilegierte Gruppen, kritische Server, offene Ports. Angreifer denken in Pfaden — und ein Pfad entsteht aus Beziehungen, die einzeln jeweils harmlos aussehen.
Angriffspfad — Eine Kette von Beziehungen, die von einem Startpunkt zu einem Ziel führt. Die Knoten sind Objekte — Konten, Gruppen, Computer, OUs, GPOs —, die Kanten sind Rechte und Anmeldungen: „ist Mitglied von“, „darf Kennwort zurücksetzen“, „hat Vollzugriff auf“, „hat sich hier angemeldet“.
Das erklärt, warum eine Umgebung mit sauberen Mitgliederlisten trotzdem in wenigen Schritten übernommen werden kann. Keine einzelne Berechtigung ist falsch vergeben; erst ihre Verkettung ergibt einen Weg. Und weil jede Kante für sich begründbar ist, findet man sie in keiner Prüfung, die Objekte einzeln betrachtet.
Drei Ebenen der Abwehr — und warum die Reihenfolge zählt
Zu jedem der Pfade gibt es Gegenmaßnahmen auf drei Ebenen. Sie sind nicht gleichwertig, und die verbreitetste Fehlentscheidung ist, auf der falschen anzufangen.
- Ursache
- Die missbrauchte Fähigkeit oder das Recht selbst beseitigen — unbeschränkte Delegation entfernen, Replikationsrechte entziehen, Vorauthentifizierung erzwingen. Wirkt dauerhaft, kostet Abstimmung.
- Härtung
- Den Missbrauch unattraktiv machen, ohne die Fähigkeit zu entfernen — Entropie erhöhen, verwaltete Dienstkonten, kurze Ticket-Lebensdauern. Wirkt sofort, verschiebt die Grenze nur.
- Erkennung
- Den Missbrauch sichtbar machen. Verhindert nichts, ist aber der einzige Weg, einen bereits laufenden Angriff überhaupt zu bemerken.
Durchgerechnet: ein Fund und seine Bewertung
Ein Dienstkonto mit SPN und schwachem Kennwort
Szenario
Eine Bestandsaufnahme zeigt: Ein Dienstkonto trägt einen SPN, sein Kennwort wurde zuletzt vor sechs Jahren gesetzt, und es ist Mitglied einer Gruppe, die auf einem Anwendungsserver lokale Administratorrechte hat.
Anforderungen
- Die Dringlichkeit begründen, nicht behaupten
- Die Maßnahme der richtigen Ebene zuordnen
Schritte
- Was ist die Fähigkeit? Ein Konto mit SPN gibt dem Verzeichnis Anlass, jedem authentifizierten Anfrager verschlüsseltes Material auszuhändigen. Das ist kein Fehler, sondern der Normalbetrieb von Kerberos.
- Wo ist die Schwäche? Nicht in der Ausgabe, sondern in der Entropie: Ein sechs Jahre altes, von Menschen gesetztes Kennwort ist offline angreifbar. Die Fähigkeit bleibt, die Schwäche ist ersetzbar.
- Wie weit reicht der Pfad? Lokale Administratorrechte auf einem Anwendungsserver. Damit ist der Fund kein Endpunkt, sondern eine Kante — die nächste Frage lautet, wer sich auf diesem Server anmeldet. Meldet sich dort ein Tier-1-Administrator an, verlängert sich der Pfad sofort.
- Maßnahme auf der richtigen Ebene: Ursache wäre, den SPN zu entfernen, falls der Dienst ihn nicht braucht. Geht das nicht, ist Härtung die Antwort — ein verwaltetes Dienstkonto mit maschinell erzeugtem Kennwort entzieht dem Offline-Angriff die Grundlage.
- Und der Nachtrag: Das alte Kennwort war sechs Jahre gültig. Ob es in dieser Zeit bereits abgegriffen wurde, weiß niemand — die Migration ersetzt es, und die Frage nach Spuren gehört trotzdem gestellt.
Merksatz: Ein Fund wird erst durch seinen Kontext zur Priorität. Dieselbe Konfiguration ist an einem isolierten System Hygiene und an einem gut vernetzten Objekt ein Vorfall — und die Maßnahme unterscheidet sich entsprechend.
Was nach dem Fund kommt: Eindämmung ohne Warnung an den Angreifer
Ein bestätigter Tier-0-Fund ist kein Konfigurationsfehler mehr, sondern ein Vorfall. Damit ändert sich die Reihenfolge: Nicht die schnellste Korrektur gewinnt, sondern die, die den Angreifer nicht vorzeitig informiert.
- Beweise vor Korrektur. Wer eine unautorisierte Berechtigung sofort entfernt, vernichtet die Spur, die zeigt, wer sie wann gesetzt hat — und weiß danach nicht, was sonst noch geändert wurde.
- Umfang vor Maßnahme. Ein einzelner Fund ist selten allein. Bevor etwas geschlossen wird, gehört ermittelt, welche weiteren Objekte betroffen sind; sonst schließt man eine Tür und lässt drei offene stehen.
- Zugangsweg vor Symptom. Wird nur der Missbrauch beseitigt und nicht der Weg hinein, kommt derselbe Angreifer über denselben Weg zurück — nur diesmal vorsichtiger.
- Anmeldedaten danach. Was in der Reichweite des Angreifers lag, gilt als abgeflossen und wird ausgetauscht, nicht bewertet.
Zusammenfassung — gleich im Check
Kurzcheck
Ein Scan meldet zwei Funde: (A) ein Dienstkonto mit SPN und altem Kennwort in einer Tier-2-Anwendung, (B) ein Anwendungsserver mit unbeschränkter Delegation, an dem sich täglich Administratoren anmelden. Womit fängst du an?
- Mit (A) — ein knackbares Dienstkonto ist der klassische Einstiegspunkt und deshalb dringlicher.
- Mit (B) — dort liegen weiterreichbare Tickets angemeldeter Administratoren, das ist der kürzere Weg zu Tier 0.
- Mit beiden gleichzeitig — eine Priorisierung ist bei Sicherheitsfunden nicht sinnvoll.
Treffer. Richtig. Ein Server mit unbeschränkter Delegation hält die Tickets aller, die sich dort authentifizieren. Melden sich Administratoren an, ist er faktisch ein Tier-0-System — und der Pfad dorthin ist kurz.
Die Achsen dieses Moduls: Kerberoasting (gMSA/Entropie) und AS-REP-Roasting (Pre-Auth erzwingen) als Offline-Cracking; DCSync (Replikationsrechte auf Tier-0 begrenzen); Unconstrained-Delegation-Abuse (Fähigkeit eliminieren, Tier-0 undelegierbar machen); Golden vs. Silver Ticket (Schlüssel-Diebstahl, krbtgt zweimal resetten); und ACL-Eskalation (effektive Rechte, AdminSDHolder).
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Diesen Stoff gibt es als Modul mit bewerteten Entscheidungs-Checks — dieselbe Einführung, danach die Übungen.
Zum Modul →Quellen & Aktualität25 Primärquellen · zuletzt geprüft:
- 01MITRE ATT&CK T1558.003 — Steal or Forge Kerberos Tickets: Kerberoasting
- 02MITRE ATT&CK T1558.004 — Steal or Forge Kerberos Tickets: AS-REP Roasting
- 03MITRE ATT&CK T1003.006 — OS Credential Dumping: DCSync
- 04MITRE ATT&CK T1558.001 / T1558.002 — Golden Ticket / Silver Ticket; T1187 — Forced Authentication
- 05Microsoft Learn — Group Managed Service Accounts (gMSA) Overview
- 06Microsoft Learn — Kerberos Pre-Authentication (Do not require Kerberos preauthentication)
- 07Microsoft Learn — Protected Users Security Group und „Account is sensitive and cannot be delegated“
- 08Microsoft Learn — AdminSDHolder, Protected Accounts and Groups, SDProp
- 09Microsoft / CISA — KRBTGT account maintenance und Reset-Guidance (Passwort-Historie 2, zweimaliges Zurücksetzen mit Replikation)
- 10learn.microsoft.com/en-us/windows-server/ident…ing-active-directory
- 11learn.microsoft.com/en-us/windows-server/secur…hentication-overview
- 12Microsoft Learn — Kerberos preauthentication and the 'Do not require Kerberos preauthentication' account option
- 13Microsoft Learn — Group Managed Service Accounts overview
- 14Microsoft Learn — Replicating Directory Changes permission
- 15Microsoft Learn — Kerberos constrained delegation overview
- 16Microsoft Learn — Resource-based constrained delegation
- 17Microsoft Learn — Protected Users security group
- 18Microsoft Learn — Active Directory access control and ACLs
- 19MITRE ATT&CK T1098 — Account Manipulation
- 20MITRE ATT&CK T1558.001 — Golden Ticket
- 21Microsoft Learn — AD Forest Recovery: Reset the krbtgt password
- 22Microsoft Learn — AD Forest Recovery: Determine how to recover the forest
- 23attack.mitre.org/detectionstrategies/DET0594
- 24learn.microsoft.com/en-us/troubleshoot/windows…mission-adma-service
- 25learn.microsoft.com/en-us/entra/identity/hybri…ds-connector-account