# Das Verhaltensmodell — wie Output entsteht

> Tokenisierung, autoregressive Generierung, Sampling und Nichtdeterminismus, Kontextfenster und parametrisches Wissen — die Mechanik hinter jedem LLM-Output und die Entscheidungen, die daraus folgen.

Track: [AI-Grundlagen](https://physar.tech/learn/ai-foundations)  
Kanonische Fassung: https://physar.tech/learn/ai-foundations/behavior-model  
Stand: 2026-07-25  
Interaktiver Teil: 9 Checks (nur im Browser)

## Das Verhaltensmodell — wie LLM-Output tatsächlich entsteht

### Warum das Verhaltensmodell?

Jeder LLM-Output entsteht **mechanisch**: das Modell zerlegt Text in **Tokens** und erzeugt die Antwort Token für Token, von links nach rechts. Fast jede „unerklärliche“ LLM-Macke folgt aus dieser Mechanik — nicht aus einem schlechten Prompt.

_[Abbildung: Ein Modell transformiert begrenzten Kontext in wahrscheinliche Tokens; Verlässlichkeit braucht deshalb eine prüfende Systemgrenze.]_

Wer die Mechanik kennt, trifft die richtige Entscheidung, statt stundenlang am Prompt zu drehen: Manche Probleme gehören in **Code**, manche brauchen **andere Daten**, manche sind schlicht eine **Grenze**, die kein Prompt überwindet.

> **Merksatz:** Bevor du einen Prompt tunst, frag: Ist das überhaupt ein Prompt-Problem — oder eine Grenze der Mechanik?

### Tokenisierung: Token ≠ Wort ≠ Zeichen

Das Modell liest weder rohen Text noch einzelne Zeichen, sondern **Tokens** — Wortstücke aus einem festen Vokabular (Subword-Verfahren wie **BPE**, Byte-Pair-Encoding). Ein Token ist mal ein ganzes Wort, mal eine Silbe, mal ein einzelnes Zeichen.

Erste Konsequenz: **zeichen-exakte Operationen** — Zeichen zählen, einen String umdrehen, auf exakt N Zeichen kürzen — liegen **unter** der Token-Ebene. Das Modell „sieht“ die einzelnen Zeichen innerhalb eines Tokens nicht zuverlässig. Solche Aufgaben gehören in **Code**, nicht in den Prompt.

Zweite Konsequenz: das **Token-Budget** ist keine Wortzahl. Weil die Vokabulare überwiegend auf englischem Text trainiert sind, zerfällt deutscher (und anderer nicht-englischer) Text in **mehr** Tokens pro Wort — Komposita, Umlaute und Flexion werden in kleinere Stücke gebrochen. Gleicher Inhalt, mehr Tokens.

> **Merksatz:** Budget und Kosten schätzt man mit dem **tatsächlichen Tokenizer** auf echtem Text — nie mit einer englischen Wort-Faustregel.

### Autoregression: Token für Token, ohne Zurück

Generierung ist **autoregressiv**: das Modell erzeugt ein Token, hängt es an die Eingabe an und sagt daraus das nächste voraus — bis ein Stop-Token fällt. Jedes Token bedingt sich auf **alle vorherigen**, und nichts wird zurückgenommen.

Eingabe-Tokens → Forward-Pass → nächstes Token wählen → **Token anhängen** → wiederholen bis Stop

Daraus folgt zweierlei. **Latenz** skaliert mit der **Output-Länge**: jedes erzeugte Token ist ein eigener Forward-Pass. Und die **Reihenfolge** ist ein Korrektheitshebel: soll das Modell etwas schließen, muss die Überlegung **vor** dem Ergebnis stehen — ein Verdikt am Anfang kann nicht mehr auf eine danach generierte Begründung reagieren.

> **Merksatz:** Begründung **vor** Verdikt. Wer zuerst das Urteil ausgibt, bekommt eine Post-hoc-Rechtfertigung, keine Überlegung.

### Sampling & Temperatur

Nach jedem Forward-Pass steht eine **Wahrscheinlichkeitsverteilung** über das nächste Token. **Temperatur** steuert, wie stark daraus zufällig gezogen wird: nahe **0** wählt das Modell fast immer das wahrscheinlichste Token (konsistent, wenig Varianz); **höhere** Werte erhöhen die Vielfalt — und das Risiko von Abwegen.

|  |  |
| --- | --- |
| Extraktion, Klassifikation, strukturierte Ausgabe | niedrige Temperatur (nahe 0) |
| Ideenfindung, Formulierungs-Varianten, Brainstorming | höhere Temperatur |

> **Merksatz:** Temperatur koppelt man an den **Aufgabentyp** — nicht global auf einen „ausgewogenen“ Wert festnageln.

### Nichtdeterminismus — auch bei Temperatur 0

Temperatur 0 macht die **Auswahl** deterministisch (immer das wahrscheinlichste Token), aber bei den **meisten heute gehosteten APIs** ist die Ausgabe trotzdem **nicht bit-genau reproduzierbar** — weil Anbieter standardmäßig **keine batch-invarianten Kernel** einsetzen.

Grund: Fließkomma-Addition ist **nicht assoziativ** (`(a + b) + c` ≠ `a + (b + c)`), und in massiv parallelen GPU-Kernen hängt die Reihenfolge der Summierungen u. a. von der **Batch-Zusammensetzung** ab. Winzige Abweichungen in den Logits lassen bei knappen Fällen ein anderes Token gewinnen. (Prinzipiell ist das mit batch-invarianten Kernen behebbar — nur wird es an geteilten Backends selten garantiert.)

Nebenbei: ein `seed`-Parameter beeinflusst nur die **Zufallsauswahl** beim Sampling. Bei Temperatur 0 wird gar nicht gesampelt — ein Seed ändert daran nichts.

> **Merksatz:** LLM-Ausgaben nie auf **exakte Gleichheit** testen — auf Eigenschaften/Semantik prüfen. An gehosteten Backends ist der Nichtdeterminismus der Normalzustand, kein Bug im eigenen Code.

### Das Kontextfenster: endliches, ungleich genutztes Budget

Alles, was das Modell pro Aufruf berücksichtigt — Systemprompt, Historie, hineingegebene Dokumente, die bisher erzeugte Antwort — teilt sich ein **endliches Kontextfenster**.

Voll ist nicht gut: Modelle nutzen Information am **Anfang und Ende** zuverlässiger als in der **Mitte** langer Kontexte — das Phänomen heißt „**lost in the middle**“. Und jedes zusätzliche Token kostet **Latenz und Geld**.

> **Merksatz:** Mehr Kontext ist nicht besser — **relevanter** Kontext ist besser. Kuratieren schlägt Reinkippen.

### Parametrisches Wissen, Cutoff und Konfabulation

Was das Modell „weiß“, steckt in seinen **Gewichten** — gelernt aus Trainingsdaten bis zu einem **Cutoff**. **Interne** Daten (deine Systeme, Handbücher) und **aktuelle** Fakten (diese Woche) sind dort **strukturell nicht** enthalten. Kein größeres Modell und kein besserer Prompt ändern das; fehlende Fakten muss man zur Laufzeit **bereitstellen** — **Grounding** über Retrieval oder Tool.

Kritisch: fehlt ein Fakt, **schweigt das Modell nicht**. Es hat keinen Mechanismus, Nichtwissen zu markieren, und füllt die Lücke mit **statistisch plausiblem** Text aus seinen Priors — **Konfabulation**. Über nie gesehene interne Daten ist eine flüssige, souveräne Antwort ein **Warnsignal**, kein Beleg für Wissen.

> **Merksatz:** Flüssigkeit und Selbstsicherheit sind **kein** Korrektheitssignal. Ungegroundete Ausgaben gelten als unverifiziert.

### Gleich im Check

Du kennst jetzt die Mechanik hinter dem Output: **Tokenisierung** (Zeichen-Grenzen, Budget), **Autoregression** (Latenz, Reihenfolge), **Sampling** (Temperatur, Nichtdeterminismus), das **Kontextfenster** (lost in the middle) und **parametrisches Wissen** (Grounding-Bedarf, Konfabulation).

> **Gleich im Check:** In den nächsten acht Entscheidungen liest du reale Ops-Symptome und wählst den richtigen Hebel — und siehst pro Option, **warum** sie trägt oder an der Mechanik scheitert.

## Quellen

- Sennrich, Haddow, Birch — Neural Machine Translation of Rare Words with Subword Units, ACL 2016 (BPE)
- Holtzman et al. — The Curious Case of Neural Text Degeneration, ICLR 2020 (Sampling/Temperatur)
- Goldberg — What Every Computer Scientist Should Know About Floating-Point Arithmetic, ACM Computing Surveys 1991
- Defeating Nondeterminism in LLM Inference — Thinking Machines Lab, 2025 (Batch-Invarianz)
- Wei et al. — Chain-of-Thought Prompting Elicits Reasoning in Large Language Models, NeurIPS 2022
- Liu et al. — Lost in the Middle: How Language Models Use Long Contexts, TACL 2023
- Lewis et al. — Retrieval-Augmented Generation for Knowledge-Intensive NLP Tasks, NeurIPS 2020
- Ji et al. — Survey of Hallucination in Natural Language Generation, ACM Computing Surveys 2023
- OpenAI — Byte-Pair-Encoding-Tokenizer (tiktoken), Dokumentation
- Petrov et al. — Language Model Tokenizers Introduce Unfairness Between Languages, NeurIPS 2023 (empirischer Sprachvergleich)
- Sennrich, Haddow, Birch — Neural Machine Translation of Rare Words with Subword Units, ACL 2016 (BPE-Mechanik)
- Holtzman et al. — The Curious Case of Neural Text Degeneration, ICLR 2020
- OpenAI API Reference — Parameter `temperature` (Sampling)
- Kojima et al. — Large Language Models are Zero-Shot Reasoners, NeurIPS 2022 (Reasoning vor Antwort)
- Shi et al. — Large Language Models Can Be Easily Distracted by Irrelevant Context, ICML 2023
- Gekhman et al. — Does Fine-Tuning LLMs on New Knowledge Encourage Hallucinations?, EMNLP 2024
- Language Models are Few-Shot Learners — Brown et al., 2020
- Lost in the Middle: How Language Models Use Long Contexts — Liu et al., 2023
